Interview Dr. Dieter H. Stündel (Nachdruck aus „kalmenzone“, Heft 5, 2014)

(Nachdruck eines Interviews mit Dieter H. Stündel in der Internetzeitschrift „kalmenzone literaturzeitschrift“ (Heft 5 / 2014 / ISSN 2196-3835 / https://www.kalmenzone.de/wordpress/hefte / mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers)

DAS WAR EIN SAKRILEG

Der Übersetzer Dieter H. Stündel im Gespräch

Geradezu Furore gemacht hat Dieter H. Stündel mit der ersten vollständigen Übertragung von James Joyces „Finnegans Wake“ ins Deutsche („Finnegans Wehg. Kainnäh ÜbelSätzZung des Wehrkeß fun Schämes Scheuß“, 1. Aufl. bei Häusser, Darmstadt 1993; mehrere Auflagen im Verlag Zweitausendeins, Frankfurt a. M.). Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ist das Gesamtwerk Lewis Carrolls. Cornelius van Alsum traf Dieter H. Stündel in Siegen.

Herr Stündel, Ihre bekannteste Übersetzung, die erste Gesamtübertragung von „Finnegans Wake“ ins Deutsche, erklärt im Untertitel, sie wolle gerade keine Übersetzung sein. Gibt es unübersetzbare Literatur?

Ich hab’ sie bisher noch nicht gefunden. Wenn, dann würde sie mich natürlich reizen, ich stelle mich gerne Herausforderungen. Aber ich kann’s mir nicht vorstellen: Wenn Literatur so „unübersetzbar“ ist, wie es von „Finnegans Wake“ behauptet wird, dann eröffnen sich ja auch Freiräume: Weil sie so schwierig zu fassen ist, hat man alle Möglichkeiten, an den Text „ranzugehen“. Bei Carroll ist das ganz anders. Da muß man präzise sein, denn es geht um Rhythmus, Reime, Wortspiele. Das muß alles irgendwie rein in die Übersetzung, und das ist nach meinem Empfinden eine größere Herausforderung als „Finnegans Wake“, wo man, Textverständnis vorausgesetzt, wirklich Freiheiten hat. Als „Anna Livia Plurabelle“ ins Italienische übersetzt wurde, war Joyce dabei und hat dann immer alle möglichen Flußnamen eingeworfen, die ihm noch in den Sinn kamen. Das heißt, der Text des „Finnegan“ war für ihn immer kreativ, offen und so sollte man den Text auch als Übersetzer sehen.

Würden Sie denn sagen, daß es günstige und weniger günstige Sprachkombinationen gibt? Könnte man Joyce in eine andere Sprache besser oder schlechter als in Deutsche übersetzen?

Ich glaube nicht. Letztens habe ich gehört, daß der „Finnegan“ sogar ins Chinesische übersetzt worden ist. Da frage ich mich natürlich: Wie geht das? Aber gut wenn der Übersetzer die nötige Phantasie hat, ist das alles möglich.

Sie selber übersetzen ausschließlich aus dem Englischen und Amerikanischen, nicht wahr?

Ja, ausschließlich. Mein aktives Englisch ist übrigens herzlich schlecht, obwohl ich u. a. Anglistik studiert habe.

Das ist interessant zu hören, denn es gibt ja durchaus Leute, die von Übersetzern eine ganz

hohe aktive Sprachkompetenz verlangen. Halten Sie das für übertrieben?

Ja. Arno Schmidt zum Beispiel konnte auch nicht allzu gut Englisch, aber er hat wunderbar aus dem Englischen übersetzt. Man braucht vor allem viel Gefühl für die deutsche Sprache. Auch sehr gute Wörterbücher sind natürlich wichtig, für Joyce beispielsweise die älteren, noch aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert.

Hilft es Ihrer Meinung nach, wenn der Übersetzer auch eigene fiktionale Texte schreibt, oder sind beide Tätigkeiten voneinander unabhängig? Stört das eigene Dichten vielleicht sogar beim Übersetzen?

Stört“ würde ich nicht sagen, ich glaube, das steht beides nebeneinander. Ich hab’ selber auch ein paar fiktionale Texte geschrieben, ein paar Geschichten sind auch gedruckt worden. Aber mit meinen Übersetzungen hat das nicht viel zu tun.

Sie erwähnten vorhin Carroll: In Ihrer Übersetzung von „Alice im Wunderland“ haben Sie sich besondere Mühe gemacht mit der Übertragung der eingeschalteten Gedichte, Gedichtparodien und diese durch Parodien auf bekannte deutsche Gedichte wiedergegeben. Liegen Ihnen Prosa und Poesie gleich gut?

Gedichte sind natürlich noch die größere Herausforderung: weil man da nicht nur mit dem Inhalt spielt, sondern es auch mit Rhythmus und Reim zu tun hat; dann hat Carroll auch viele Akrosticha geschrieben, die Namen oder irgendwelche Botschaften ergeben. Wenn man das alles berücksichtigen soll, ist es schon eine arge Herausforderung. Ich weiß noch, das Einführungsgedicht zu „Sylvie und Bruno“, ein Doppelakrostichon, das waren neun Zeilen, und ich habe fünfzehn Fassungen geschrieben, bis ich endlich zufrieden war. Das war wirklich eine Hundsarbeit.

Joyce und Carroll haben wir schon genannt: Haben Sie sonstige Favoriten unter den Autoren?

Intensiv, aber nicht als Übersetzer, habe ich mich auch mit Arno Schmidt befaßt. Er stand eigentlich am Anfang der Kette, dann kam Carroll und dann Joyce. Über Arno Schmidt habe ich mein erstes Buch geschrieben, das Register zu „Zettels Traum“, das es heute noch als CD-ROM gibt.

Könnte man sagen, Sie sind von Schmidt zu Joyce gekommen, auch wenn Carroll dazwischenlag? „Zettels Traum“ hat mit „Finnegans Wake“ doch einiges gemeinsam, nicht wahr?

Ja, das stimmt, und da gibt es in der Tat einige Gemeinsamkeiten.

Haben Sie als Übersetzer oder als Schmidt-Interpret auch so eine intensive Vertrautheit mit einem lebenden Autor erfahren, wie sie beispielsweise zwischen Ezra Pound und Eva Hesse bestanden hat? Ich erinnere mich an ein Interview mit Frau Hesse in der FAZ, in dem sie diese Vertrautheit sehr eindrücklich beschrieben hat. U. a. gab es da die Situation, daß sie Pound auf eine Art Fehler in seinem Text hinwies, und daraufhin antwortete er, sie solle verdammtnochmal übersetzen, was er schreiben wollte. Haben Sie solche Erlebnisse, im Konflikt oder in der Übereinstimmung, Ihrerseits gehabt?

Da muß ich Sie enttäuschen. Der einzige Autor, zu dem ich Kontakt gesucht habe, war Arno Schmidt, der allerdings sehr zurückgezogen lebte und sich regelrecht abschottete. Das akzeptierte man; aber ich hab’ sehr viel von ihm gelernt, was das Übersetzen angeht. U. a. hat er geschrieben, für „Sylvie und Bruno“ brauche es einen „Lordadmiral der Übersetzer“: wegen der Wortspiele usw. Und da habe ich gleich gedacht: Oh, das mußt du versuchen. Und an „Sylvie und Bruno“ habe ich Übersetzen gelernt: Ich habe diesen 600-Seiten-Roman dreimal übersetzt, bis ich zufrieden war, die Fassungen jeweils zwei Jahre ruhen lassen. Beim ersten Mal war ich sehr zufrieden, nach zwei Jahren war ich dann unzufrieden. Auch beim zweiten Mal war ich sehr zufrieden; der WDR machte sogar ein Hörspiel daraus, Heinz von Cramer hatte die Regie. Aber als ich mir meinen Text nach den zwei Jahren angeschaut habe, war ich wiederum unzufrieden und habe den Roman wiederum ganz von vorne übersetzt. Nach drei Übersetzungen von Anfang bis Ende war ich dann endlich zufrieden.

Das heißt, man braucht für die Arbeiten, die Sie reizen, auf jeden Fall einen langen Atem: An „Finnegans Wake“ haben Sie über ein Jahrzehnt gesessen.

Ja, siebzehn Jahre. Ich habe 1974 angefangen und wußte, mit Ablauf des Jahres 1991 fällt

das Copyright weg. Dazwischen habe ich meine Magister- und meine Doktorarbeit geschrieben und Carroll übersetzt, aber ich bin immer drangeblieben. Mir war immer klar, daß es siebzehn Jahre dauern würde, weil ich eben das Copyright frei haben wollte. Suhrkamp hat dann auch gleich mit zwei Anwälten gedroht, aber es war nichts zu machen für sie. Es gab natürlich ein ziemliches Geheul bei allen Joyce-Übersetzern, die plötzlich sahen, daß dieses Werk perfiderweise übersetzt worden war. Das war ein Sakrileg. Jeder begeht dieses Sakrileg, der „Finnegans Wake“ übersetzt, und jeder kriegt Prügel. Bisher hat, im Gegensatz zum „Ulysses“, auch noch kein „Finnegan“-Übersetzer einen Preis bekommen.

Woran liegt das?

Ganz einfach: Es gibt eben so viele Leute, so viele Koryphäen, die es besser wissen, daß keiner es wagt, einen Preis zu vergeben. Das ist nicht nur im deutschen Sprachraum so, sondern auch der niederländische Übersetzer und der französische haben keinen bekommen.

Bei Ihrer Joyce-Übersetzung fiel mir u. a. die Datierung auf, mit der Sie den deutschen Text abgeschlossen haben: Siegen, und dann der Zeitraum von siebzehn Jahren. Die Parallele zur Datierung am Ende des englischen Textes, „Paris, 1922–1939“, ist offensichtlich. Ist das auch etwas schalkhaft gemeint?

Ja, durchaus. Es sind auch nicht nur die Jahre: Paris an der Seine Siegen an der Sieg. Daß die Flüsse beide mit S beginnen, kommt noch hinzu. Ich mach’ oft so etwas.

Mich führt das zu der Frage, welches Umfeld man braucht für so eine Arbeit: Siegen ist trotz aller vorhandenen kulturellen Angebote und trotz der Universität eben doch nicht Paris, und das soll ja durch die Analogie auch hervorgehoben werden. Worauf kommt es an? Braucht es ein kulturelles Umfeld, wie Joyce es seinerzeit in Paris hatte? Gehört der ständige Kontakt mit dem Literaturbetrieb dazu, oder wäre der für den essentiellen Teil Ihrer Arbeit sogar eher störend?

Eher störend. Heutzutage können Sie sich die Kultur über die Medien ins Haus holen. Das Problem ist dann eher eine Überfütterung. Und das war früher ganz anders: Da mußte man geradezu darum ringen, man mußte Wege gehen und Geld dafür bezahlen. Nein, es war schon ganz gut, daß ich hier in einer Stadt lebe, wo nicht so viel los ist, das ist schon richtig; wo man sich auch mal wirklich zurückziehen kann. Ich hab’ auch niemandem gesagt, daß ich an dieser großen Arbeit gesessen habe.

Eine wichtige Voraussetzung war vermutlich auch, viel Zeit „am Stück“ zu haben, nicht wahr? Wenn Sie abends, etwa mit dem Hauptberuf Lehrer, erst nach acht an Ihren Übersetzer-Schreibtisch gekommen wären

hätte ich diese Arbeit gar nicht machen können. Ich war ja freier Journalist beim WDR. Vormittags habe ich für den Rundfunk gearbeitet und nachmittags für mich.

Haben Sie konkrete Vorbilder für Ihre Arbeitsweise?

Nee, gar nicht. Ich hab’ beispielsweise schon bei der Arbeit am Register zu „Zettels Traum“ gemerkt, daß es mir schwerfiel, danach einzuschlafen, ich hab’ im Kopf noch weitergearbeitet. Die nötige Bettschwere habe ich dann erreicht, indem ich Rotwein getrunken habe: aber eben nur so viel, daß ich am nächsten Morgen wieder fit war.

Sie hatten bei ihren großen Übersetzungsprojekten bisher auch immer genug Zeit, nicht wahr?

Ja. In neunzig Prozent der Fälle habe ich mir die Projekte selbst ausgesucht und habe selber entschieden, wann und wie ich es mache. Den einzigen Auftrag hat mir Goldmann erteilt: „Alice und das Land im Nadelöhr“ von Gilbert Adair. Und da bin ich dann drei Wochen nach Tunesien gefahren und habe in der Zeit die Übersetzung fertiggestellt.

Ihr Kollege Jürgen Brôcan kritisiert in einem Aufsatz von 2004, aber wohl mit unverminderter Gültigkeit, die Art von Gedichtübersetzungen, die ihm vorschwebe, habe heutzutage bei den Verlagen nur geringe Chancen; erwünscht sei so eine Art Einheitstonfall. Diese Schwierigkeiten haben Sie bei Ihren bisherigen Projekten, weil Sie ja auch wählerisch sein konnten, aber nicht erlebt?

Nein, diesem Problem mußte ich mich nie stellen. Ich setze mich mit Sprache auseinander. Das (er legt ein Blatt mit Auszügen aus der „Finnegan“-Übersetzung vor) gebe ich zum Beispiel meinen Studenten, ich gebe ja Veranstaltungen in Kreativem Schreiben. Nehmen wir zum Beispiel die Überschrift, die Sie ja kennen: „Finnegans Wehg“ – phonetisch an „Wake“ angelehnt, aber es geht auch um das „Weh“, den Passionsweg“, auch um meinen Weg durch dieses Buch hindurch; „Kainnäh“ – die Nähe zu Kain, Kain und Abel; deshalb auch „Übel“, „ÜbelSätzZung“; „Sätz“ großgeschrieben, weil der Satz wichtig ist, „Zung“, weil man den Text auch ausspricht. Bei meinen Lesungen aus der „Finnegan“-Übersetzung war immer im Hintergrund der Text zu sehen. „des Wehrkeß“ – gegen die Keßheit; „fun“ steht für Spaß; „Schämes“ für „schämen“, „Scheuß“ für Scheußlichkeit. Über dieses Spiel mit dem Autorennamen haben sich gewisse Leute übrigens seinerzeit furchtbar aufgeregt …

Walter Benjamin rechnet in seinem berühmten Aufsatz über „Die Aufgabe des Übersetzers“ mit der Möglichkeit einer „Nachreife“ von Sprachkunstwerken in ihren Übersetzungen. Haben Sie diese Erfahrung auch selber gemacht?

Also, wenn Sie das so auf den Begriff bringen wollen, habe ich gar nichts dagegen, aber ich bin kein Theoretiker, nach der Promotion habe ich mich nur noch mit der Praxis beschäftigt, mit der Arbeit an der Sprache. Ein Beispiel für das Nachreifen könnte vielleicht eine Überschrift aus „Alice im Spiegelland“ sein: Bei Carroll steht da „Looking glass insects“, also „Spiegelinsekten“; ich habe „Netkesni-Insekten“ daraus gemacht, also das Wort gespiegelt.

Abschließende Frage: Arbeiten Sie derzeit an einem größeren Übersetzungsprojekt, oder gibt es einen Text, den Sie sich schon immer mal vornehmen wollten?

Nein, die großen Herausforderungen liegen eigentlich hinter mir. Es ist auch noch nichts Neues auf mich zugekommen. Also: Zur Zeit genieße ich mein Leben.

Herr Stündel, vielen Dank für dieses Gespräch!

Das zitierte Interview mit Eva Hesse ist erschienen im FAZ-Feuilleton vom 6.8.2012. Jürgen Brôcans Aufsatz „Die Übersetzung als Passagenwerk“ ist abrufbar auf seiner Homepage: http://www.brocan.de (zuletzt aufgerufen am 22.8.2014). Zu Walter Benjamins „Aufgabe des Übersetzers“ siehe im Editorial.

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